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Debatte

Von den Grenzen der Urlaubsindustrie in Mecklenburg-Vorpommern.

Für einen sozial-ökologischen Tourismus

Ein Gastbeitrag von Kay Nadolny

Willkommen in Mecklenburg-Vorpommern dem beliebtesten deutschen Urlaubsland. Der Nordosten lockt mit fast 2000 km Ostseeküste, mit über 2000 Seen, den meisten Sonnenstunden Deutschlands und schier unendlich vielen Naturschutzgebieten, darunter 3 Nationalparks. Mecklenburg-Vorpommern ist mit 1,6 Millionen Einwohner*innen das am dünnsten besiedelte Bundesland1. Jährlich besuchen über 7 Millionen Gäste den Nordosten und es gibt fast 30 Millionen Übernachtungen. Der Tourismus selbst konzentriert sich vor allem auf die Ostseeküste mit ihren Inseln und Halbinseln und die Seenplatte. So hat Rügen im Jahr regelmäßig mehr als 1 Millionen Touristen zu Besuch, bei einer Einwohner*innenanzahl von 63.000, und der Landkreis Ludwigslust-Parchim nur ca. 100.000 Touristen bei 212000 Einwohner*innen.

Der Tourismus ist im Gegensatz zu anderen Bundesländern von sehr großer Bedeutung. 130.000 Arbeitskräfte leben davon, das sind 18% der Erwerbtätigen. Also fast jeder 5. Arbeitsplatz hängt vom Tourismus ab. Die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus zeigt sich auch daran, dass 12% des Bruttoinlandproduktes dort erwirtschaftet werden. Durschnittlich 61 Euro gibt ein*e Tourist*in täglich im Land aus. Allerdings sind Arbeitsbedingungen für viele Beschäftigte schlecht und die Lohnhöhen gering. Köche, Kellner*innen und Hotelangestellte bekommen oft nur Mindestlohn auch wenn für ca. 36.000 Beschäftigte die Gewerkschaft NGG 2019 kräftige Lohnerhöhungen durchsetzen konnte. Für das Geld, das die Mehrheit der Beschäftigten verdient, würde ein Großteil der Touristen die MV besuchen nicht arbeiten gehen und auch kein Urlaub machen können2. Insgesamt ist MV bundesweit das Land mit den geringsten Einkommen. In MV bekommt man nur 75,9% des Bundesdurchschnitts 3.

Neben den niedrigen Löhnen und oft schlechten Arbeitsbedingungen fällt auf, dass Mecklenburg-Vorpommern im Sommer voll ist. An immer mehr Stränden, Nationalparks, Zeltplätzen, Küstenorten, Radwegen, Straßen und Ausflugszielen ist es im Sommer voll und manchmal zu voll. Fährt man bespielsweise im Sommer von Rostock nach Kühlungsborn den Radwanderweg an der Ostsee entlang, so ahnt man was Overtourismus4 bedeutet. Der Radweg wird zu einer Art Radautobahn, auf der fast ohne Pausen ein Rad nach dem anderen in endlosen Schlangen aneinander vorbeiziehen. Eine Radtour zu zweit oder mit Familie, bei der man weite Strecken auch nebeneinander radeln kann, gelingt so nicht.

An vielen Stränden liegen die Menschen dicht an dicht, selbst an den Stränden in Naturschutzgebieten und Nationalparks. Die meisten Touris reisen mit dem Auto an und gerade an den Ab- und Anreisetagen sind die Strassen verstopft. Auch die Parkplätze in Küstennähe erreichen regelmäßig ihre Kapazitätsgrenzen und die Wege in den Naturschutzgebieten sind an schönen Tagen mit Radfahrer*innen und Fußgänger*innen überfüllt. Man findet sie noch, die ruhigen Wege und die nicht so vollen Strände, gerade wenn die Parkplätze weit weg sind. Dennoch zeigt sich, dass 7 Millionen Touris jährlich genug sind.

Die Landesregierung und die Tourismusindustrie sehen dass allerdings anders. Sie fördern den Ausbau der touristischen Infrastruktur selbst dann, wenn die Bebauungen dabei immer dichter an die Naturschutzgebiete heranrücken. Zu sehen ist das auch in Rostock-Warnemünde. Fast 200 Kreuzfahrtschiffe jährlich kommen nach MV. Manchmal liegen drei Riesen zugleich im Hafen und dann strömen aus dem bis zu 18 stöckigen schwimmenden Hotelklotz mehrere tausend Touristen und Angestellte. Oft sind mehr Touris auf den Kreuzfahrtschiffen als Warnemünde Einwohner*innen hat. Dazu kommt dass die Kreuzfahrtschiffe die Luft und das Wasser verpesten, da Tag und Nacht Öl verbrannt wird, um die Kreuzfahrtschiffe zu betreiben. Denkt man an die Arbeitsbedingungen der Angestellten an Bord, dann müsste man schon aus Menschenrechtsgründen alle Kreuzfahrten verbieten. Denn was die Angestellten dort erleben gleicht einem Verbrechen. Meist wird 10-11 Monate gearbeitet ohne einen Tag Pause. Die Stundenlöhne sind bei 2,50 Euro und es wird 7 Tage gearbeitet, 10-12h täglich5. Und als wenn 3 Schiffe zugleich nicht schon mehr als genug wären, baut die Stadt zwei weitere Liegeplätze, so dass am Ende 5 Kreuzfahrtschiffe zugleich in Rostock ankern könnten.

Hier und dort hört man, dass zwar die Löhne in MV gering sind, dafür die Lebenshaltungskosten aber ebenso. Doch das ist nur ein schlechtes Märchen. Jede*r weiss, dass die Preise bei Lidl in Rostock und in Stuttgart gleich sind. Auch Benzin und Strom sind im Nordosten nicht günstiger. Schaut man als nächstes auf den Wohnraum, wird schnell klar, dass es an der Küste teuer ist und immer teurer wird. Mittlerweile ist es an der Küste ähnlich schwer eine bezahlbare Wohnung zu finden wie in Berlin oder anderen Großstädten. Denn zum einen wird immer mehr Wohnraum zu Ferienwohnungen verwandelt, weil man mit diesen mehr Geld machen kann. Zum anderen kaufen immer mehr Reiche Grundstücke, Häuser und Wohnungen, weil sie damit mehr Profit machen als auf ihren Konten, wo es zurzeit keine Zinsen gibt. Genau aus diesem Grund hat die Gemeinde Sellin auf Rügen keine weiteren Baugebiete zugelassen. Auch Rostock hat das weitere Umwandeln von Wohnraum in Ferienwohnungen in Warnemünde verboten. Richtige Schritte um einen Übertourismus zu verhindern. Um eine weitere Zubetonierung der Küste zu stoppen, sollte die Siedlungsfläche im Küstenbereich auf keinen Fall erweitert werden. Stichworte wie Bettenstopp6 weisen in die richtige Richtung. Zumal viele Erweiterungen der Bettenkapazitäten nur deswegen erfolgen weil, wie oben erwähnt, mit steigenden Grundstückspreisen spekuliert wird. Dass so ungenutzte Überkapazitäten entstehen, die am Ende der ganzen Branche schaden wird, schon heute beklagt.

Spannend ist auch die Eigentümer*innenstruktur. Immer mehr Betten sind in der Hand von großen Konzernen. Die kleineren Familienbetriebe von vor Ort verlieren an Bedeutung. Ebend noch die eigene Pension, jetzt schon arbeitslos und Aushilfe in einem Ressort. Solche Entwicklungen sind nicht nachhaltig und bringen die Bevölkerung gegen neue Tourismusprojekte auf. Denn am Ende verdienen die großen Konzerne der Branche gut und das verdiente Geld fliesst in die Taschen von Milliadären und falls diese überhaupt Steuern zahlen, dann nicht in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Landesregierung und die Tourismusindustrie setzen trotz allem auf mehr Tourismus. Sie wollen mehr Hotels, mehr Ferienwohnungen, mehr Events für Touristen, eine längere Saison und was sonst noch den Tourismus fördert. Die Frage kommt auf, wieviel Tourismus ist gut für Mecklenburg-Vorpommern. In immer mehr Regionen der Welt begehren die Menschen gegen zuviel Tourismus auf. Kreuzfahrtschiffe werden blockiert, Touristen beschimpft, Plakate gegen zuviele Touristen aufgestellt, Demos organisiert und Bürgerinitiativen gegründet. Einige Städte und Regionen haben angefangen den Tourismus zu begrenzen. So dürfen in Dubrovnik nur noch 2 Kreuzfahrtschiffe zugleich anlegen, auf Mallorca wurde eine Tourismussteuer eingeführt und für einige Naturwunder Europas und auch weltweit gibt es eine täglich begrenzte Anzahl von Eintrittskarten.

Damit Tourismus eine Zukunft hat und den Einwohner*innen ein Perpspektive bietet, muss dieser sozial und ökologisch sein. Sozial ist, wenn all die Beschäftigten im Tourismusbereich nach einem guten Tarif bezahlt werden müssen. Es müssen mindestens armutssichere Löhne gezahlt werden, der Mindestlohn wird dafür auf 12 Euro die Stunde erhöht werden müssen. Die realität ist leider noch eine andere: Immer noch gibt es Azubis die für 400 Euro arbeiten gehen. Manchmal in Hotels in denen eine Nacht im Doppelzimmer ebensoviel kostet. Auch gibt es nicht wenige Menschen die zu ihrem Gehalt noch beim Jobcenter aufstocken müssen, weil das Netto aus 40h Wochenarbeitszeit nicht reicht. Eine solche versteckte Subvention von Unternehmen muss aufhören.

Zudem sollte es ausreichend bezahlbaren Wohnraum in Küstennähe geben. Sonst mieten die Beschäftigten im Tourismusbereich im Hinterland günstige Wohnungen und der Verkehr nimmt unnötig zwischen ihren Wohn- und Arbeitsorten zu. Meist wird ja auch mit dem Auto gefahren, weil der ÖPNV oft nicht mehr existiert, nicht gut ausgebaut oder zu teuer ist. Hier müsste das Bahn- und Bussystem massiv ausgebaut werden. Wenn jede Haltestelle mindestens alle 30 Minuten angefahren wird, dann wird der Bus- und Bahnverkehr attraktiv. Park- und andere Verkehrsflächen würden frei. Wichtig ist ebenso der Ausbau und vor allem die Sanierung des Radwegesystems, denn viele Radwege sind unzusammenhängend und kaputt. Die Anzahl der*die Besucher*innen der Nationalparks und anderer Naturwunder müssen begrenzt werden. Volle Strände in der Kernzone der Nationalparks schaden der Natur, sind nicht das was sich die meisten Tourist*innen wünschen und nerven auch die Einheimischen.

Die Landesregierung muss aufhören, blind auf Wachstum zu setzen. Sinvoll ist stattdessen ein sozial-ökologischen Wandel. Die jährlichen Gelder7 zur Tourismusförderung sollten dem Strukturwandel dienen und nicht dem „weiter so“. Den Tourismus auf das ganze Land und über das ganze Jahr zu verteilen, ist ein guter Ansatz. Die 7 Millionen Touristen pro Jahr sind genug.

1 69 Einwohner*innen je m² in MV und Durchschnitt BRD 232 Einwohner*innen je km²

2 https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/NGG-fordert-hoeheren-Stundenlohn,gastgewerbe110.html und https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Tarifeinigung-Mehr-Geld-fuer-Beschaeftigte-im-Gastgewerbe,tarifverhandlungen126.html

3 https://www.gehalt.de/news/gehaltsatlas-2019

4 Overtourism (engl.) bedeutet Übertourismus. Es ist eine Form des Massentourismus mit so massiven sozial-ökologische Auswirkungen, dass größeren Teile der Bevölkerung vor Ort sich beginnen dagegen zu organisieren.

5 https://www.ndr.de/nachrichten/info/So-hart-ist-die-Arbeit-auf-Kreuzfahrtschiffen,kreuzfahrt754.html. Deutscher Mindestlohn muss nicht gezahlt werden, weil das deutsche Arbeitsrecht auf Kreuzfahrtschiffen die unter anderer Flagge fahren nicht gilt.

6 Gemeinden können die Anzahl von Urlaubsbetten begrenzen

7 Schon 2014 wurde der Ausbau der touristischen Infrastruktur mit 2,3 Milliarden Euro seit der Wende gefördert.https://www.regierung-mv.de/Landesregierung/wm/Tourismus/

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